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Die Einführung der Pockenimpfung im Ries vor 220 Jahren

Erstmals in der Geschichte des Bildungswerks Harburg wurde ein Vortrag online angeboten. Diese Premiere bewältigte Gerhard Beck als Referent trotz kurzer Startschwierigkeiten souverän. Beck modernisierte jüngst schon die Rieser Kulturtage als Vorstandsvorsitzender mit zahlreichen Onlinevortragen wegen der aktuellen Pandemie und zeigte sich versiert im Umgang mit der Plattform, die die Stadt Harburg verwendet. Modernes Medium, alte Geschichte, gegründet auf uralte Akten in verschiedenen Archiven: Darauf baute der Vortrag „Die Einführung der Pockenimpfung vor 220 Jahren im Ries“ auf.

Beck stellte Aspekte des Gesundheitssystems im Ries heraus und begann mit der Erwähnung des ersten Spitals in Nördlingen im Jahr 1233 – damals wegen Ansteckungsgefahr außerhalb der ehemaligen Staufermauer gelegen. Das spätere Siechenhaus befand sich ab 1327 vor dem heutigen Baldinger Tor. In Dörfern versorgten die Bader kleine Verletzungen, zogen Zähne usw. Der Badersohn Johann Friedrich Knittel, 1723 in Harburg geboren, fiel nach Studium der Medizin durch erworbene Kenntnisse in der Behandlung des grauen Stars auf.

Ein Ederheimer Sterberegister erwähnte im Jahr 1798 immer wieder die „Blattern“, also Pockenerkrankung, als Ursache für Kindersterblichkeit zwischen 5 und 10 Jahren. Dieses Variola-Virus mit seiner Übertragung über Tröpcheninfektion hatte häufig tödlichen Verlauf mit einem letzten Fall in Deutschland im Jahr 1972.

Impfmethoden gelangten über die Türkei nach England ins Ries, wo sich in Nördlingen der Arzt Alexander Jakob Düttel ab 1769 im Waisenhaus versuchte. Erfolgreicher war der in Gießen geborene fürstliche Hofrat und Leibmedicus Wolfgang Julius Joachim Jan, der gar eine Belehrung über die Impfung drucken ließ und dafür eine entsprechende Gegenschrift über die „Brutalimpfung“ erntete. Doch Fürstin Wilhelmine Friederike von Oettingen-Wallerstein unterstützte seine Impfmaßnahmen nicht nur damit, dass sie die Pockenimpfung mittels „Kuhpockenpredigten“ ans Herz legen ließ, sondern half darin, das Impfen vor 220 Jahren in ihrem Regierungsbereich noch vor der bayerischen Impfpflicht 1807 voranzutreiben. Die Gründung eines Krankenhauses in Wallerstein (1804) belegte einmal mehr, wie sehr ihr das Gesundheitswesen und das Wohlergehen ihrer Untertanen am Herzen lagen.

Geistliche predigten nicht nur, sie verstanden sich hier und da sogar auf das Impfen selbst. Die Predigt von Pfarrer Paul Lasser aus dem Jahr 1805 ist heute noch gedruckt erhalten geblieben. Im Bereich Oettingen-Wallerstein ist Anfang 1803 kein Kind mehr an Blattern gestorben, als „wohltätige Folge der Kuhpocken-Einimpfung“. So waren die Holzkirchener den Wechingern, die zu Oettingen-Spielberg gehörten, der Zeit voraus. Zwischen November 1803 und Februar 1804 starben z.B. in Wechingen fast 30 Menschen im Kinderalter – alles tragische Einzelschicksale. Ein späteres Taufregister von Dornstadt erwähnt 1809: „… bis hierher sind alle geimpfet oder haben geblattert und Scheine darüber.“ Impfscheine aus Nördlingen (1824) und Schwörsheim (1858) dienen als Belege aus einer Zeit, die bemerkenswerte Parallelen zu unserer Gegenwart aufweist, in der das Impfen wieder ein hochaktueller Gegenstand ist.

Überhaupt stellte Gerhard Beck immer wieder den Gesamtzusammenhang zur damaligen Entwicklung in Deutschland und Europa her. Bildungswerkleiterin Doris Thürheimer und zahlreiche Zuhörer bedankten sich für den Einblick in die Geschichte und verwiesen auf alte Impfpässe und Pockenimpfnarben. (R. Melber)

Fürstin Wilhelmine